Der Wunsch

 

Einst gebar eine Mutter den lang ersehnten Sohn. Der Patenonkel des Kindes kam und sprach zur Mutter:

Es steht in meiner Macht, dir einen Wunsch für dein Kind zu erfüllen. Bedenke gut, welcher Wunsch es sein soll, denn er wird ihn ein Leben lang begleiten.

Nachdem sie gut nachgedacht hatte, antwortete sie: Ich wünsche mir, dass alle Menschen meinen Sohn lieben.

So geschah es dann  auch.

Der Junge wuchs zu einem hübschen und fröhlichen Kind heran und alle Menschen, denen er begegnete, hatten ihn lieb. Mit der Zeit offenbarte sich aber auch etwas anderes: Da der Junge merkte, wie beliebt er war, begann er manche Situationen für sich auszunutzen: Er ärgerte ein anderes Kind, lachte dann aber nur und es wurde ihm sofort verziehen. Er wurde im Laufe der Jahre immer durchtriebener und bösartiger in seinem Verhalten und erfuhr dabei niemals eine Korrektur oder Strafe, denn die Leute mussten ihn dem Wunsch der Mutter gemäß, einfach lieb haben. Schließlich wurde ihm die kleine Welt des Dorfes, in dem er aufgewachsen war, zu klein und er zog in die Welt, um sein Glück zu suchen. Seine Mutter ließ er traurig und alleine zurück.

In der Stadt geriet er an Freunde, die sein Talent sofort erkannten und ein Leben voller Schein, Betrug und Lügen begann für ihn. Er konnte alles haben, was er wollte und genoss es in vollen Zügen. Doch hinterließ er an den Orten, an denen er gewesen war, eine Spur der Verwüstung und des Leides.

Eines Abends saß er wieder in einem großen Saal mit vielen falschen Freunden, als ihm plötzlich seine Mutter in den Sinn kam. Eine Sehnsucht durchzog sein Herz und er beschloss, nach Hause zurückzukehren, um sie zu sehen.

Dort angekommen, teilte man ihm mit, dass seine Mutter bereits gestorben war – er hatte es jahrelang nicht für nötig gehalten, sich um sie sie zu kümmern – nun war es zu spät.

Voller Reue zog er sich zurück in sein Elternhaus und weinte bitterlich. Nach Tagen und Wochen, in denen er nicht zum Vorschein kam, machten sich die Leute sorgen und ließen den Patenonkel des Jungen holen. Dieser klopfte an die Tür und forderte Einlass. Schließlich öffnete der Junge und erzählte ihm sein Leid. „All die Jahre hatten mich die Menschen lieb, nun habe ich das Einzige, was ich wirklich liebe, verloren.“ Der Onkel  sprach: „Lieber Junge, es steht in meiner Macht, den Wunsch deiner Mutter einmal für dich zu ändern, wenn du es ausdrücklich möchtest. Bedenke gut, welcher Wunsch es sein möge.“ Da leuchtete das Gesicht des Jungen auf und er antwortete freudig: „Ja, ich weiß, was ich wirklich möchte: Ich will, dass ich alle Menschen liebhabe, die mir begegnen!“ Und so geschah es. Damit zogen Frieden und Liebe in das Herz des Jungen und er lebte von diesem Zeitpunkt an ein Leben in Demut und dem Dienst an seinen Mitmenschen.