DER TON

 

 Liebe Jungen und Mädchen,

 

Ich glaube, ihr kennt mich.
Ich bin nämlich hierbei euch.
Aber vielleicht wißt ihr nicht, wie ich hier her gekommen bin.
Und darum erzähle ich es euch.

Ich bin nämlich kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein Stein.
Ja was denn sonst? Was denkt ihr?

Ihr könnt mich nicht sehen. Und riechen und anfassen auch nicht.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal nicht da war.
Ich glaube, ich lebe immer. Ich kann gar nie tot werden.

Und früher, da klang ich hell und rein und klar, durch das ganze Weltall. Aber jetzt bin ich schon lange, lange Zeit leise. Aber nie ganz still.
Ich kann nicht still sein. Ich glaube, das ist für dich auch schwierig.

Jetzt hast Du vielleicht erraten, was ich bin.
Wenn nicht, dann sage ich es Dir jetzt.
Nämlich, ich habe einmal gut zugehört, wie zwei Kinder mit einander gesprochen haben. Und da hat das eine gesagt:
„Weißt Du, wenn etwas klingt, dann ist das ein Ton.“
Und darum glaube ich, dass ich ein Ton bin.
Kannst du dir das vorstellen?

Natürlich bin ich kein gewöhnlicher Ton.
Nicht so wie deine nackten Füße, wenn sie über den Boden tapsen,
oder wie wenn du schnarchst, auch kein „Hatschi“ und kein Löffel,
der scheppernd zu Boden fällt.

Das sind ja auch keine richtigen Töne.
Ich glaube, du sagst dazu eher „Geräusch“ oder sogar „Krach“.

Nein, ich bin ein ganz wunderbarer Ton- hell, rein und klar.

 

 

Wisst ihr, was ich mir ganz fest wünsche?

Ich möchte mich durch die Welt schwingen, durch alle Länder,
durch den Himmel, durch das Weltall.
Ich möchte überall sein, im Nu, und allen von meiner Freude erzählen.

Denn liebe Kinder, das konnte ich bis vor kurzem nicht.

Und das hat einen Grund.

Ich kann nämlich nicht alleine klingen.
Ich brauche ein Instrument,
das mich zum Klingen bringt.
Bei mir ist das so.
Ohne Instrument geht nix.

Aber solch ein Instrument zu finden ist sehr schwer.

Nicht für die normalen Töne, die haben eine Riesenauswahl.
Ein Reifengequietsche  saust einfach zu einem Auto,
das um die Ecke rast, und zack, schon hat es sein Instrument.

Oder ein Besteckgeklapper, das wartet bis morgen früh,
geht zum Frühstück,
da wimmelt es von Löffeln und Gabeln und Messern,
die miteinander um die Wette klappern.

Aber ein Ton wie ich?
Der braucht ein besonderes Instrument.
Wo habe ich nicht schon überall nach einem Instrument für mich gesucht!
Das kannst Du Dir kaum vorstellen.

Ich sauste durch die Luft – weißt Du, ich kann nämlich gut fliegen,
und ich kann sogar durch Türen und Wände hindurch.

Bin ich durch Lärm und Krach geflogen!
Gerumpelt hat es und gerattert und geklirrt und gepiepst und gepfiffen und gerauscht und gerasselt und gedonnert und geheult.
Überall war ich. Auf jeden Fall an vielen Orten,
wo ich vorher noch nie war, und du sicher auch nicht.

Oft war es so laut und alles durcheinander, dass ich gar nicht wusste,
wo jetzt denn das Instrument eigentlich ist.
Und so richtig still, das war es eigentlich fast nirgendwo.

Aber niemand konnte meinen Ton spielen.
Bei den meisten hab ich es nicht einmal versucht.
Bei denen war es ohnehin nicht möglich.

Das hab ich bald gemerkt:
Da wo viel Krach ist sind keine passenden Instrumente für mich.
Da hab ich gedacht: Vielleicht bei den Musikinstrumenten,
die können doch auch zarte Töne spielen, eher so wie ich bin.

Und so flog ich zum Konzertsaal. Da sind ja so viele schöne Instrumente.

Ich landete auf einem großen runden Ding,
da lag so etwas Ähnliches wie ein Hammer drauf.

„Hallo – bist Du ein Instrument?“ habe ich gefragt.

„Ja“, hat das Ding gedröhnt, „ich bin die Pauke.“

Ich musste mir die Ohren zuhalten.

„Ich bin das lauteste Instrument hier. Ich kann ganz toll poltern.
Und da drauf bin ich mächtig stolz.“

„Kannst Du auch zarte Töne spielen, so wie mich?“ habe ich gefragt. „Na, wenn es unbedingt sein muss – natürlich kann ich auch das. Hör zu.“

Und der komische Hammer bewegte sich schabend auf der Pauke herum, da hat es gerauscht, so wie „schschsch“, und es war nicht laut – aber mein Ton war das nicht.
Im Gegenteil, das hat mir in den Ohren gehörig weh’ getan.
Die Pauke war nicht mein Fall.
„Tschüss, Pauke!“, habe ich noch gerufen,
und bin so schnell wie möglich weggeflogen.
Aber ich glaube, die Pauke hatte mich schon vergessen.
Die ist aber unhöflich!

Dann bin ich auf einem glänzenden Stück Holz gelandet.
Das habe ich gefragt: „Bist Du ein Instrument?“.
Das Holz hat geantwortet [süßlich singend, eingebildet]:
„Natürlich bin ich ein Instrument. Ich bin hier die erste Geige.“
„Oh, die erste Geige. Willst Du mich spielen?“
„Lass es uns versuchen“, hat sie gemeint. „Wie tönst Du denn, du kleiner Ton?“

Ich habe mich auf eine Saite gesetzt, das ist so ein langes gerades dünnes Stück Draht.
Und dann hat die Geige versucht, mich zu spielen.
Mit dem Bogen, das ist so ein langes haariges Ding,
das fuhr über die Saite neben mir. Zuerst hat es arg gekratzt.
Und dann kam der Bogen auf meine Saite, und die Saite hat gezittert – huch - hat das gekitzelt!
So fest hat sie gezittert, dass ich mich nicht festhalten konnte,
und da bin ich von der Saite gefallen,
gerade durch das Loch in die Geige hinein. Uh, war es da dunkel drin.

Na, dann hat es eigentlich ganz schön geklungen.
Aber mein Ton war das nicht. Es klang mehr wie Geige.
Und dann wollte sie auch gar nicht mich spielen, sondern wollte,
daß ich ein anderer Ton werde.
Aber das wollte ich nicht.

Schnell bin ich durch das Loch raus gekrochen,
habe ihr noch „Tschüss“ zugerufen und bin weitergeflogen.

Dann bin ich auf einem silbrig glänzenden Stab gelandet.
Der war ganz glatt, ja ich musste vorsichtig sein, dass ich nicht ausrutsche. „Bist Du ein Instrument? Willst Du mich spielen, einen zarten, hellen Ton?“ habe ich gefragt.
Der Stab hat geantwortet: „Natürlich bin ich ein Instrument. Siehst du das denn nicht? Ich bin die Querflöte.
Ich kann am schönsten singen von allen Instrumenten.
Und die zarten, hellen Töne mag ich besonders. Komm, ich spiele dich!“

Dann hat der Stab mir gezeigt, wo es hinein geht zu den Tönen,
durch ein rundes Loch. In der Flöte drin war es zuerst ziemlich hell,
aber dann wurde es plötzlich dunkel.
Weißt du, eine Flöte hat Klappen, die gehen auf und zu,
und wenn sie zu sind, dann ist es sehr dunkel.

Dann kam ein Luftzug und ich musste mich festhalten,
sonst hätte der Wind mich glatt weggeblasen.
Der Ton war zwar hell und klar und hoch – aber mein Ton war das nicht. Alle Töne waren viel gröber und schriller als ich
und die Flöte hat gar nicht zugehört, als ich ihr gesagt habe,
dass sie immer nur ihre eigenen Töne spielt  und gar nicht mich.

Da war ich traurig.
Die Pauke und die Geige und die Flöte, keiner wollte mich spielen.
Und außerdem waren ihre Töne immer gleich zu Ende,
nicht wie meiner, der nie aufhört.

Wo sollte ich nun hin?

Es war schon halb dunkel, und ich flog betrübt über das Land.
Da kam ich bei einem Haus vorbei. Ein Fenster war offen.
Neugierig setzte ich mich auf das Fensterbrett und lauschte.
Ob da ein Instrument für mich war?

Ich spähte durch den Vorhang ins Zimmer
und da strahlten mir zwei Augen entgegen.

Neugierig wie ich bin, flog ich näher.
Die Augen sahen mich nicht, denn mich kann man nicht sehen,
nur hören. Oder sahen sie mich doch?
Auf jeden Fall hörte ich eine Stimme sprechen: „Ich möchte das Instrument sein für den hellsten, reinsten, schönsten Ton, den es gibt, den Seelenton!“

Ich traute meinen Ohren nicht. Ein Wunder!
Hatte ich da wirklich gefunden, was ich suchte?
Ich blieb bei dem Kind, denn die Augen gehörten zu einem Kind.

Das Kind wollte wirklich ein Instrument für mich sein.
Ich durfte durch seine Gedanken klingen, wenn es an mich,
den schönsten Ton, dachte.
Ich durfte durch seine Gefühle klingen, wenn es sich nach mir sehnte. Das war toll! Ich konnte wieder ein Ton sein wie vor uralter Zeit.

Aber das war nicht immer so.
Manchmal vergaß das Kind mich wieder,
für ein paar Stunden, vielleicht sogar für einige Tage.
Dann war ich traurig. Ich musste wieder stumm sein.

Und jetzt möchtet ihr wissen, in wem ich nun bin.

Aber das verrate ich nicht.
Das ist ein Geheimnis.

 

(DANKE, Peter, dass du uns die Geschichte zur Verfügung stellst!)