SPRACHE UND BEWEGUNG

 

Einleitung:

Von Geburt an teilt sich der Mensch mit, zunächst nonverbal durch Gestik, Mimik und Gebärden, also durch Körpersprache. Sprache beinhaltet somit unterschiedliche Mittel der Kommunikation: Laute, Gebärden, Körperhaltung und Bewegung. Je älter der Mensch wird, desto mehr steht die verbale Kommunikation im Vordergrund, die anderen Formen bleiben aber auch erhalten.

Im alten Griechenland gab es fünf olympische Disziplinen, die symbolisch für die menschliche Bewegung im Kontext mit dem Leben standen und somit weiterführend auch Ausdruck für die Sprache als Kommunikationsmittel sind:

Laufen: Der Mensch und die Erde

Springen: Der Mensch löst sich von der Erde

Ringen: Der Mensch im Kontakt mit anderen Menschen

Diskus:  Der Mensch in Kontakt mit Objekten

Speerwerfen: Der Mensch in zielgerichtetem Kontakt mit Objekten

 

Voraussetzung für Sprachentwicklung:

Ein gesundes Kind entwickelt innere Bilder und gestaltet daraus symbolische Spielsituationen. Es kann dadurch neues entstehen lassen und ihm eine Bedeutung geben. Der Wille wird zur Wirksamkeit. Vorsprachliches Handeln und Planen ist die Voraussetzung zur Entwicklung von Sprachverständnis und fördern die individuelle innere Sprache.

Kinder mit verzögertem Spracherwerb zeigen oft ein rein funktionales Spiel mit Handlungen, die keine Bedeutung und Struktur aufweisen.

Unsere Kommunikation sagt viel über unsere Persönlichkeit aus – darum ist Kommunikationsförderung auch immer eine Persönlichkeitsförderung.

Sprache beinhaltete zwei wichtige Voraussetzungen: Zum einen die Möglichkeit, sich etwas nicht Vorhandenes vorzustellen und zum anderen die Absicht, in Kontakt mit dem DU zu treten.

Durch Bewegung und Sprache kann der Wille des Menschen wirksam werden. Zunächst auf der physischen Ebene, indem ich einen Ball fange oder werfe und damit eine Wirksamkeit und eine Reaktion erreiche. Später geschieht dies auf der verbalen Ebene durch das gesprochene Wort.

Körpererfahrungen beinhalten Momente des Wahrnehmens, Spürens und Bewegens und sind somit eine Vorstufe zu Handlungserfahrungen. Sensomotorische Erfahrungen sind die Voraussetzung für die Entwicklung von Sprache. Die eigene Sprechbewegung wird über das kinästhetische Sinnessystem wahrgenommen und beinhaltet die Speicherung von Referenzen zum Laut-, Wort – und Satzschema beim Spracherwerb. Dadurch erfolgt eine Innenkontrolle der Sprechbewegung.

Das vestibuläre System ist für die Ordnungskraft von Reizempfängen und das Gleichgewicht zuständig. Veränderungen der Raumlage, der Rhythmik und der Schwingungen werden sofort registriert und analysiert.

Bei der auditiven Wahrnehmung kommt es darauf an, innerhalb einer Vielfalt von akustischen Reizen zu differenzieren und sinntragende Impulse zu unterscheiden und zu identifizieren. Schwächen in diesem Bereich können zu Sinnverschiebungen und im weiteren Verlauf zu Rechtschreibproblemen führen.

„Sprechen ist eine motorische Handlung, die eine sehr komplexe Bewegungsplanung erfordert. Spezifische Bewegungen des Mundes, der Zunge und der Lippen müssen so geordnet werden, dass der dabei entstehende Ton ein Wort bildet. Das Kind muss außerdem entscheiden, welches Wort dem anderen folgt. Kinder mit Sprachproblemen weisen oftmals auch eine Dyspraxie (Koordinations – und Entwicklungsstörung) auf.“  (Ayres 1984)

 

Alle motorischen Handlungen in der frühkindlichen Entwicklung können als Vorbereitung für die Sprache verstanden werden. Saug-, Schluck – und Atembewegungen im Mundraum erfordern die Koordination von Lippen, Zunge, Kiefer, Gaumen, Hand und des gesamten Körpers.

 

Sprache baut auf Bewegung auf

Wenn wir sprechen, vollzieht unser Kehlkopf mit seinem kleinen Stütz- und Muskelapparat all die Bewegungen analog im Kleinen, die wir auch mit den Händen, Armen und Beinen beim Bewegen machen. Deshalb ist die gesunde Bewegungsentwicklung eine wesentliche Voraussetzung für die Sprache.

In der Sprachmelodie, deren Träger die Vokale sind, lebt das Gefühlselement der Sprache. Die Vokale sind wie Musik, sie geben der Sprache ihren individuellen Klang. Die Konsonanten formen diesen Klang und schließen ihn ab – diesen Vorgang nennen wir sprechen. Er kann auch folgendermaßen beschrieben werden:

1,. Innere Vorgänge

2. Wille / Wirksamkeit

3. Offenbarung

4. Der Mensch setzt sich in Beziehung mit der Außenwelt – ICH/DU =   Widerstand

5.  Folge: Antipathie - abwehrend

6.  Folge: Sympathie – bekräftigend

7. Folge: Zurückziehen – besinnen – reflektieren

Dieser Vorgang führt schließlich zur Gebärde, zur Bewegung und zum Handeln.

 

 

Die Sprache als Ausdrucksmittel

Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Jugendliche und junge Erwachsenen sprachlich auf dem Niveau von Viertklässlern stehen. Ihr Wortschatz ist relativ gering, die Sätze werden nicht zu Ende gesprochen und es wird ein in der jeweiligen Gruppe üblicher Jargon verwendet.

Damit verfügen sie nicht über das Potential, seelische Erlebnisse und Sinnzusammenhänge auszusprechen und drücken diese Vorgänge häufig durch aggressives Verhalten aus. Aus einem Missverständnis wird leicht eine Entgleisung auf emotional-verbaler Ebene bis hin zur Regression in kindliche Verhaltensmuster wie Wutausbrüche und Destruktivität.

Diese Tatsache wird inzwischen in der Behandlung von straffälligen Jugendlichen mit berücksichtigt. Durch Theaterspielen, Tanzdarstellungen und Gespräche wird die bewegungs- und sprachliche Ausdrucksfähigkeit geübt und Aggressionspotential abgebaut. Wenn Jugendliche die Straftat, die sie begangen haben, szenerisch selbst darstellen, zeigen sie oft erst dann Anzeichen von Empathie und Verständnis.

 

Sprachförderung durch bewegungsorientierte Spielhandlungen

Zwischen Bewegungshandel und Sprachhandeln bestehen Parallelen, die insbesondere durch Spiel – und Bewegungsangebote stimuliert werden können! Sie haben einen hohen Motivations – und Aufforderungscharakter, regen zu Handlungen an und erfordern die sprachliche Auseinandersetzung mit allen Beteiligten.

Wir unterscheiden hierbei drei Bereiche: Körpererfahrung, materielle Erfahrungen und soziale Erfahrungen.

 

 

Einige Beispiele zu Körpererfahrungen und sprachlichem Handeln:

 

Bewegungshandeln (BW):                                   Sprachliches Handeln (SH)

Eine Vorstellung vom eigenen Körper             - Körperteile unterschiedlich     

entwickeln                                                               benennen

 

BW: Wahrnehmen von Muskelspannung und Entspannung

SH: Begriffe aufgrund von Vorstellungsbildern verstehen

BW: Pantomimische Darstellung

SH: Nonverbal Ausdrücken

BW: Akustische Reize wahrnehmen, differenzieren, einordnen und darauf reagieren

SH: Auditive Wahrnehmung als Voraussetzung für Sprachentwicklung üben

BW: Körpereigene Laute ausprobieren: Schnipsen, Klatschen, Summen etc.

SH: Die Ausdrucksfähigkeit der eigenen Stimme und des Körpers erleben.

 

Einige Beispiele zu materialen Erfahrungen und sprachlichem Handeln:

BH: Den Raum entdecken, laufen, springen, kriechen, klettern

SH: Begriffe benennen: Oben, unten, rechts, vorne…

BW: Eigenschaften eines Objektes erfahren und die Bewegung daran anpassen

SH: Eigenschaften eines Objektes benennen: Der Ball fliegt, springt, rollt…

BW: Bewegungsabläufe verwirklichen

SH: Bewegungsabläufe planen und sprachlich formulieren

BW: Motorische Aufgaben lösen

SH: Lösungsmöglichkeiten verbalisieren

 

Einige Beispiele zu sozialen Erfahrungen und sprachlichem Handeln

BW: Spiele mit Regeln spielen

SH: Regeln benennen, verstehen, vereinbaren, abstimmen, aushandeln

BW: Führen und Folgen im Wechsel

SH: Wünsche äußern, Bedürfnisse formulieren

BW: Kooperieren

SH: Strategien absprechen

BW: Die Perspektive des anderen beim Spielen berücksichtigen

SH: Empathie und Verständnis kundtun

BW: Bewegungen imitieren

SH: Sprachmuster nachahmen

 

 

PRAXIS:

Spiele mit und ohne Wettkampfcharakter:

1.Schwungtuch:

Spiele mit dem Fallschirm z.B. Katz – und Maus- Fangen

 

2. Reifen im Kreis weitergeben:

Gruppe steht im Kreis und fasst sich an den Händen, der Reifen wird weitergegeben, ohne die Hände loszulassen.

 

3.Bewegungsgeschichte:

Eine Geschichte erzählen, dabei Bewegungsstationen und Aufgaben einbauen, die überwunden werden müssen

 

4.Klanggasse:

Gruppe stellt sich zu zweit gegenüber, jedes Paar überlegt sich einen Klang oder ein Geräusch. Ein Teilnehmer soll durch den Spalier laufen und muss dabei darauf hören, wo er das gleiche Geräusch sowohl rechts als auch links hört und dann in der Mitte hindurchgehen.

 

5.Wettermassage mit Material aus dem Baumarkt

Ein Teilnehmer liegt auf dem Bauch und wird mit Pinseln, Farbrollern, Putzschwämmen etc. massiert. Dabei eine Geschichte über das Wetter erzählen, z.B. ein Gewitter zieht auf, der Regen prasselt in Strömen…. Um unterschiedliche Dynamik zu erzeugen.

 

6.Wollfaden-Parcour im Gelände

Mit Wollfäden wird ein Parcour im Wald oder Park gebaut, die Gruppe muss mit verbundenen Augen hindurchgehen. Mindestens zwei Sehende zum Aufpassen!

 

7.Lebendiges Tier-Memory:

2 Spieler denken sich ein Tier aus, dann verteilen sich alle im Raum, 1 TN denkt Karte auf durch antippen, Spieler macht Bewegung und Geräusch, dann wieder umdrehen, gleiches Tier suchen und Memory-Paare bilden.

 

8.Mattenschaukeln:

Eine Turnmatte wird in 4 Reifen gelegt und geschaukelt. Mit einer zweiten Matte versuchen, ganz herum zu rollen 

 

9.Lebendiges Tischfußballspiel:

Ein Spielfeld wie beim Tischfußball abstecken oder abkleben. Gruppe stellt sich in einer Reihe wie beim Tischfußball auf und hält ein Seil gespannt in der Hand.

Gespielt wird nach den gleichen Regeln wie Tischfußball!

 

10. Rollende Langbank:

Eine Langbank wird umgedreht und auf Stäbe gelegt. Die Gruppe kann darauf balancieren, evtl. mit Hilfestellung!

  

11. Cross-Boule:

Je Teilnehmer zwei Crossbälle ( oder Reis –oder Sandsäckchen). Gespielt wird nach den gleichen Regeln wie Boule, allerdings darf das ganze Gelände auch in die Höhe und mit Hindernissen benutzt werden! Viel Spass! J

 

Zusammenfassung/Fazit:

Das Spiel in der Gruppe schafft Bewegungs – und Sprachanlässe, die die basale Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit, auf der Sprachentwicklung aufbaut, und das Handlungsrepertoire ständig erweitern und somit die Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit erweitern.

Das Selbstvertrauen und das positives Selbstkonzept der Mitspieler werden durch Erfolgserlebnisse gestärkt und damit auch das Vertrauen in die eigenen sprachlichen Fähigkeiten.

 

Weitere Informationen und Links

Buchempfehlung:

Renate Zimmer: Handbuch Sprachförderung durch Bewegung

Gabriele Steinbach: Arbeiten mit Geschichten

Links:

Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens nach Hugo Kükelhaus: www.schlossfreudenberg.de

 

ZIEL-Verlag für Erlebnispädagogik: www.ziel-verlag.de